Obwohl Venezuela der fünftgrößte Erdölförderstaat der Welt ist, leben seit Jahren 75 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. In Caracas lebt die Hälfte der Bevölkerung in Slums, in denen das Leben von Krimininalität und Gewalt geprägt ist.
Das Bildungsprojekt „Sistema” ist die Vision eines Mannes: José Antonio Abreu. Er organisierte 1975 die erste Orchesterprobe in einer Tiefgarage zu der 11 Jugendliche kamen. Am zweiten Tag waren es 25, am dritten 46 und am vierten 75. Heute sind rund 250.000 Kinder und Jugendliche Teil der „Fundación del Estado para el Sistema Nacional de las Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela”, oder einfach „Sistema” genannt. Sein Ziel war die Errichtung eines umfassenden Bildungsprogrammes, durch das so viele Kinder wie möglich über musikalische Erziehung die Chance auf ein besseres Leben erhalten sollen.
Abreu promovierte 1961 in Erdölwirtschaft, und 1964 machte er seinen Abschluss als Organist und Komponist am Nationalen Musikkonservatorium. 1969 wurde er Professor für Wirtschaft an verschiedenen Universitäten in Venezuela und war fortan ebenfalls Kongressabgeordneter.
Während des Ölbooms gelang es Abreu, das Gesundheitsministerium zur Zahlung einer Subvention für sein soziales Unternehmen zu überreden. Inzwischen ist das Sistema eines der größten und teuersten Bildungsprojekte der Welt. Finanziert wird es durch Rücklagen aus Erdölgewinnen. Pro Jahr stellt die Regierung stellt dafür 29 Millionen Dollar zur Verfügung.

Das ist weniger als der Jahresetat eines der größeren europäischen Opernhäuser, aber eine erstaunliche Summe für ein Land, in dem das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Venezuelaners knapp 3200 Euro beträgt. Abreu meint dazu: „Die Regierung unterstützt mein Projekt genau wegen seiner sozialen Ausrichtung. Der Staat hat sehr gut verstanden, dass das Projekt, wiewohl es mit Mitteln der Musik arbeitet, zuvörderst ein soziales ist: ein Projekt zur Förderung allgemeiner menschlicher Qualitäten. Denn für die Kinder, mit denen wir arbeiten, stellt die Musik fast den einzigen Weg zu einem menschenwürdigen Dasein dar. Armut - das heißt: Einsamkeit, Traurigkeit, Anonymität. Orchester - das heißt: Freude, Motivation, Teamgeist, Streben nach Erfolg.”
Nach der Schule strömen jeden Nachmittag Hunderte von Kindern in den Musikunterricht. Bei der Ausbildung erhalten die Kinder viel Zuwendung und Bestätigung. Fehler werden mit Humor genommen, aber nicht bestraft. Dennoch: Mitwirkung ist Pflicht, denn in einer Orchestergemeinschaft zählen auch Disziplin und Verantwortung. Doch die klaren Regeln und Werte werden gerne angenommen. Für alle Jugendlichen des Sistema ist das Orchester wie eine große Familie. Studien haben gezeigt, dass die jungen Leute, die in den Orchestern integriert sind, auch mehr Erfolg in anderen Bereichen Ihres Lebens haben. Außerdem haben die einzelnen Orchester fundamentale soziale Auswirkungen auf die jeweilige Region, in der sie aktiv sind. Auch wenn es primär um den sozialen Erfolg des Projektes geht, und nicht um die Ausbildung von möglichst vielen Profimusikern, so führt die intensive Beschäftigung mit klassischer Musik dennoch zu einer großen Akzeptanz eben jener bei der gesamten Bevölkerung und zu etwas,


dass man als musikalische und kulturelle Renaissance bezeichnen könnte. Oder anders gesagt: „So entsteht eine südamerikanische Kulturrevolution der klassischen Musik.” (Axel Brüggemann, FAZ 22.08.07)
Die Schulen des „Sistema” stehen jedem offen. Den Kern des Ausbildungssystems bilden die 90 „núcleos”, die Musikschulen, die es in ganz Venezuela verteilt gibt. Zusätzlich gibt es noch Kurse, in denen Jugendliche Instrumentenbau lernen; es gibt speziellen Unterricht für Kinder mit Lernschwierigkeiten, sowie Kurse für Behinderte. Darüber hinaus gibt es ein Institut für Phonetik, ein Institut für höhere Musikstudien und das Zentrum für audiovisuelle Musik.
1993 wurde das Projekt mit dem Internationalen Musikpreis der UNESCO ausgezeichnet; 1998 wurde Abreu von der UNESCO zum Botschafter für den Frieden ernannt, und 2001 war er einer der Träger des Alternativen Nobelpreises. Im Jahr 2005 erhielt Abreu den Bundesverdienstorden für seine außerordentlichen Verdienste um die musikalische Erziehung. In Anlehnung an das Sistema-Modell, wurden eine ganze Reihe von ähnlichen Initiativen in anderen Ländern Lateinamerikas und der Karibik ins Leben gerufen. Seit 1998 geht das an der Spitze aller dem Sistema zugehörigen Orchester stehende Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela auf Tournee und erntet international große Anerkennung. José Antonio Abreu ist auf jeder dieser Reisen dabei, um seinen Schützlingen die Daumen zu drücken. Er ist mittlerweile 70 Jahre alt und trotzdem noch vor jedem Konzert aufgeregt.